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Fêlés de Grand Colombier

Première, deuxième, troisième,……….? Viermal, was heißt viermal auf Französisch? Ich muss es an den Fingern abzählen, um dem älteren Pärchen zu erklären, warum ich so erschöpft im Gras am Gipfel des Grand Colombier sitze. Quatrième montée? Ja, zum vierten Mal für heute bin ich hier oben auf 1500m angekommen und nun auch durchaus zufrieden mit dieser Leistung.

Begonnen hatte alles bereits im letzten Herbst. Ich war gerade im „Club des Cinglés du Mont-Ventoux“ (Club der Verrückten des Mont-Ventoux) aufgenommen worden und suchte eine neue Herausforderung . Da stieß ich auf einen weiteren, wenn auch erheblich kleineren Club, welcher es sich zur Aufgabe gemacht hatte, möglichst viele Radfahrer mit einer Macke (Fêlés) für den Grand Colombier zu begeistern. Nach kurzer Recherche über Straßenzustand und die vier verschiedene Anstiege steht schnell fest: Das ist mein Ziel für 2015!

Die Regeln des Clubs sind relativ simpel: Wer zwei Anstiege am Tag schafft ist Mitglied, wer drei schafft ist Maître, bei vier ist man Grand Maître. Für mich stand gleich fest,  ich fahre alle vier. Denn obwohl von jeder Seite rein  rechnerisch immer über 1000-1200 Höhenmeter zu überwinden sind, die Anforderungen der verschiedenen Strecken erscheinen doch sehr unterschiedlich.

So blieb nur noch die Reihenfolge der Besteigungen festzulegen. Da ich Station in Culoz machte, sollte dies auch der Startpunkt sein. Bei vorhergesagten Temperaturen von über30°C, entscheide  ich mich zu einem frühen Frühstück und einem Start um 5:30Uhr.

Am Ortsausgang dann den ersten Stempel in die Karte gedrückt und los geht es. Die Frage, ob ich wegen der zu erwartenden Steigungen die richtige Übersetzung (34:28) gewählt habe, beantwortet sich schon nach 500 Metern: Ich bin im ersten Gang, keine Option mehr weiter runter zu schalten! Na denn, wird schon gehen. Der Anstieg ist von den Steigungen her sehr abwechslungsreich (zwischen 6 % und 14%) und als ich das erste Mal obenankomme bin ich schon einigermaßen verschwitzt. Die Sonne ist gerade erst aufgegangen und am Gipfel ist noch kein Mensch. Auch auf der Strecke hoch: Kein einziger Radfahrer. Na, ist ja auch erst kurz nach sieben. Stempel in die Karte, Windjacke an und runter nach Artemare.

Da die Westseite um diese Zeit noch im Schatten liegt, ist es eine einigermaßen frische Angelegenheit. Was das Ganze aber wirklich unangenehm macht, ist der Zustand der Straße und das Gefälle. Sehr rauer Belag, gespickt mit Schlaglöchernin Verbindung mit einem Gefälle von bis zu 19%(!) verlangen volle Konzentration.

In Artemare angekommen esse ich schnell einen Riegel, stempele erneut die Karte, fülle die Trinkflaschen an einem der vielen Brunnen auf und fahre wieder hoch. Bereits jetzt kommt mir der Gedanke, dass es tatsächlich etwas, sagen wir mal, ungewöhnlich ist, die gleiche Strecke die man soeben runtergefahren ist kurz darauf wieder hoch zu fahren. Aber am meisten beschäftigt mich dennoch der Abschnitt der kurz hinter Virieux-les-Petit auf mich wartet. Durchschnittlich 19% auf 2 Kilometern. Ich glaube nicht, dass ich so etwas schon einmal gefahren bin. Und tatsächlich muss ich mich konzentrieren um auf diesem Teilstück das Vorderrad auf dem Boden zu halten. Irgendwann ist auch das geschafft und ich freue mich über die fast schon lächerlichen 10% Steigung bis zum Gipfel. Oben angekommen staune ich nun doch ein bisschen. Noch immer keiner da! OK, es ist Werktag. Aber ganz offensichtlich ist dieses Gebiet touristisch noch nicht wirklicherschlossen. In den Alpen wäre bei diesem Wetter jetzt schon die Hölle los.

Stempel aufgedrückt, Windjacke an, runter. In Anglefort angekommen ist es nun doch schon ziemlich warm und ich komme gar nicht schnell genug aus der Jacke raus ohne zu schwitzen. Hier gibt es keinen Brunnen, aber einen Bäcker. Auch nicht schlecht. Zu dem Wasser ordere ich auch noch zwei Croissants und mache eine kurze Pause. Bisher hatte ich mir gar keine Zeit genommen, mich in den Örtchen umzusehen. Ganz schön beschaulich hier. Kaum Verkehr, keine Menschenseele auf der Straße. Aber da! Der erste Radfahrer Richtung Grand Colombier. Schnell noch den Stempel abgeholt und hinterher. Die Steigung beginnt mal wieder mit 10%. Mein Verstand setzt wieder ein und ich lasse den Biker ziehen. Wie sich zeigen sollte eine gute Wahl. Der Anstieg von Anglefort zeichnet sich nämlich dadurch aus, dass die 10% Steigung nur durch mehrere 14% Abschnitte unterbrochen wird. Also nix mit Renntempo. Ich schwitze wie nie zuvor. Hier habe ich bereits meine fünfte Flasche leergetrunken und das Gefühl, dass ich gar nicht so viel trinken kann wie gerade aus meinen Poren läuft. Dennoch fühle ich mich gut und bin voller Zuversicht, dass auch der vierte Anstieg zu schaffen ist. Die Schriftzüge auf der Straße kurz unter dem Gipfel, welche eigentlich für Wiggins und Co. gedacht waren, spornen mich nun doch noch an, etwas zügiger zum Gipfel zu kommen. Dort bin ich nun auch nicht mehr ganz allein. Ein paar Motorradfahrer und ein Grüppchen Radfahrer stehen hier oben in der Sonne. Ich will nicht allzu lange rumstehen, der Wind ist doch noch recht kühl hier oben. Ich habe das Gefühl, dass ich das ganze erst genießen kann, wenn ich ein viertes Mal hier oben stehe.

Die folgende Abfahrt erweist sich als sehr Abwechslungsreich. Viele enge Kurven, gefolgt von langen, steilen Geraden und, das hatte ich so nicht gedacht, von einer fiesen Gegensteigung!

Wenn ich vorhin schon von beschaulichen Dörfern gesprochen habe, so ist Champage-en-Valromey an Ruhe nicht zu überbieten. Hier ist gar nix los. Leider gibt es hier aber auch kein Brunnen oder ein Laden in dem ich Wasser kaufen könnte. Nun gut, auf der Abfahrt habe ich mehrere Brunnen gesehen. Bis dorthin muss es halt ohne Wasser gehen. Tut es aber nicht! Auf halber Strecke dann endlichder Brunnen. Ich lege mich drunter und kühle erst mal wieder auf Betriebstemperatur runter. Auch die vermeintlich leichteste Auffahrt, welche ich mir für den Schluss aufgehoben hatte, wartet mit mehreren 14%-Stücken auf und verlangt mir alles ab. Die letzten Kilometer quäle ich mich noch hoch, dann ist es nach insgesamt gut 5000 Höhenmetern geschafft. Nachdem ich mich ein wenig erholt habe, kann ich nun die Aussicht genießen. Man sieht bis zu Mont Blanc! Und noch immer ist hier oben nichts los. Nur das Pärchen, das noch immer nicht ganz den Sinn meiner Unternehmung zu verstehen scheint. Aber ich fürchte sie sind dabei nicht ganz allein. Und nicht nur deshalb möchte ich mich bei meiner Frau und meinen Kindern bedanken, die mir so viel Freiheit lassen, dass ich ab und zu auch mal ein „Fêlés“ sein kann.

Das Ziel ist erreicht, nun bin ich Mitglied Nr.1235 bei den „Confrérie des Fêlés du Grand Colombier“. Und das tollste daran: Wie ich der Urkunde entnehme bin ich tatsächlich der erste Deutschein der Bruderschaft, für mich eine ganz besondere Auszeichnung

Welche Herausforderung ich mir fürs nächste Jahr suche? Cinquième?

P.S.: Wer sich das Ganze mal bei STRAVA ansehen will: 4 x Colombier => Grand Maitre

 

Thomas Hinsberger - 5 juin 2015